2. April 2011 von Sandra · 6 Kommentare
Während wir früher in der Stadt wohnten und Ausflüge aufs Land (vornehmlich ins Burgenland) machten, führen uns nun, da wir am Land wohnen, die Ausflüge nach Wien.
Wir besuchen Kinder, FreundInnen, billige Tankstellen sowie lieb gewonnene Lokale, und fühlen uns touristisch.
Mit dem burgenländischen Kennzeichen sind wir Exoten erster Güte, dürfen uns falsch einreihen, ungeschickt von einer Kolonne in die andere reinquetschen, winkend, händeringend: “Ich bin Burgenländerin!”, doppelt unfähig, haha, danke vielmals!
Derzeit habe ich jedenfalls das Gefühl, permanent im Urlaub zu sein:
Hier draußen zwitschert es, quakt (die Krötenwanderung hat eingesetzt!), flattert und pfaucht, und der Regen, die Tiere, der Sonnenuntergang, die “frische Luft!”, der viele leere Raum um mich herum bedeuten für das einstige Stadtkind Feriengefühle.
Hinterm Haus kann ich den Fahrradweg entlanggehen oder -radeln, die Hasen und Rehe laufen nur langsam davon, in der Ferne leuchtet der Schneeberg. Morgens geht die Sonne blutrot auf, spätnachmittags bringt der Wind Heckenscherengeräusche von überall her.
Und wenn wir nach Wien fahren, so ist das auch Urlaub, man besucht jemand oder etwas, kauft sich eine Jause am Bahnhof, entdeckt ein neues Lokal in der Innenstadt, flaniert die Einkaufsstraßen entlang und glaubt es kaum, wieviele Geschäfte so dicht nebeneinander stehen können. Und auch die vielen Menschen in der U-Bahn! Die engen Doppelsitze in der Straßenbahn! Der viele Autoverkehr, das Stop-and-Go, so viele Ampeln! Faszinierend.
Aber jetzt erstmal einen Drink gemixt und die Abendsonne genossen. Hab ich schon erwähnt, dass die Aperol-Saison eröffnet ist?
Kategorien: Landleben · Orte
26. März 2011 von Sandra · 8 Kommentare
Was im Burgenland sehr bald auffällt, ist die Freundlichkeit der Leute. Natürlich nicht aller, nicht zu jeder Zeit. Aber in den vier Monaten meines bisherigen Aufenthalts habe ich mehr freundliche bis superfreundliche Menschen hier getroffen als in 35 Jahren in Wien.
Man ist hier ohne Arg, es ist durchaus üblich, einfach drauflos zu quatschen was einem grad durch den Kopf geht, alles ist willkommen. Jede Bagatelle, jede Idee wird freudig aufgegriffen, kommentiert, benickt. Seit die Jahreszeit wärmer geworden ist, werde ich sogar von den Traktorfahrern gegrüßt. Es sind immer Männer, die Traktor fahren. Sie sitzen oben auf ihren Maschinen und düsen die Rad- und Güterwege entlang mit einem Affentempo. Meist schauen sie verbissen, vielleicht frieren sie, vielleicht sehen sie schlecht aus ihren verglasten Kabäuschen. Heute habe ich einen Hippie-Traktorfahrer gesehen, in schwarzer Lederjacke und sehr freundlich. Der wird sicher von den anderen gemobbt.
Geht man in Geschäfte, muss man sich nicht wundern, wenn es an der Kasse einen Stau gibt. Jede Kundschaft darf sich zum Plaudern so viel Zeit lassen wie sie will, Tratsch hat immer Vorrang. Derweil werden die anderen Kunden ignoriert und haben das zu dulden.
Niemand hat es hier eilig, muss wohin, drängt sich mit dem Supermarktwagerl vor. Niemand ist ungeduldig mit herum rennenden Kindern, die im Weg sind.
Wenn zwei Autofahrer die Straße blockieren, weil sie – einander entgegen kommend – stehen geblieben sind, um die Fenster herunterzukurbeln und einen kleinen Plausch zu halten, darf man kurz warten. Wenn man aber irgendwann hupt, weil es doch zu lang dauert, ist das auch ok.
Beim Bäcker (falls man einen findet) ist man nicht mechanisch freundlich, sondern einfach normal freundlich.
Diverse Servicelines lassen einen nicht lang warten, sondern nehmen das Gespräch überraschend schnell an; dann kann man sein Glück nicht fassen, und jedes Wort der Call Center Agents ist Balsam für die warteschleifegeplagte Kreatur.
Das Interesse an Neuigkeiten ist allgemein groß. Hat man von sich aus keine Informationen anzubieten, wird man gnaden- und schamlos ausgefragt. Wo wohnt ihr, woher seid ihr, war das blonde Mädchen, das letzten Freitag da war, deine Tochter?
Allmählich habe ich mich jedoch gewundert, warum niemand meinen Beruf wissen wollte. Eine Erklärung wäre gewesen, dass Frauen hier nicht arbeiten, oder nur der Beruf des im gemeinsamen Haushalt lebenden Mannes (auch “Gatte” genannt), zählt. So wie auch die Gemeinde nur einen Ansprechpartner pro Haushalt möchte, und sich dafür automatisch den Mann auswählt. Aber das stimmt nicht.
Die Nachbarin klärte mich auf: “Was du arbeitest, wissen wir! Ich habe ganz zufällig deine Homepage gefunden.”
Bin gespannt, wann sie diesen Blog finden wird!
Kategorien: Landleben · Leute
22. März 2011 von Sandra · Kommentare deaktiviert
Die Gepflogenheiten des nachbarschaftlichen Umgangs sind mir noch nicht geläufig. Es scheint hier auch etwas uneinheitlich geregelt zu sein, da die meisten Nachbarn ebenfalls “Zuagraste” sind, aus anderen Ortschaften und Bundesländern, sodass jede Familie etwas andere Vorstellungen zu haben scheint – was prinzipiell günstig für uns ist.
Diese gewisse Diversität war bereits beim Weihnachtsschmuck zu erkennen – zwischen überbordenden Lichterketten, leuchtenden Engels-, Weihnachtsmann-, Schneeflockenfiguren, glitzernden Kunsteiszapfen, Elchschlitten, Reisiggirlanden neben aufgesprühten Fensterbildern und der einzelnen schlichten Laterne neben der Tür gab es alle Abstufungen.
So ist es auch bei der Gartengestaltung, dem Sichtschutz ins Innere des Hauses (je mehr Weihnachtsschmuck, desto mehr Sichtschutz scheint zu gelten) und dem Fertigstellungsgrad des Zaunes. Nicht einmal die am längsten hier wohnenden Familien haben schon alle einen fertigen Zaun, geschweige denn eine Türklingel. Geschweige denn eine ausgebaute Straße vor der Tür, muss man fairerweise dazu sagen.
Wir richten uns daher noch immer nach den Erfordernissen, die wir selbst feststellen: einen Zaun für den Hund, eine Klingel für den päckchenbringenden Briefträger, der sonst nicht reingeht aus Angst vor dem Hund, einen extra großen Briefkasten (auch für den Briefträger, der heimlich oder auch ganz öffentlich schon am Vormittag zu trinken beginnen dürfte), ein ganz klein wenig mehr Saisonschmuck als ich in der Stadt hatte, strikten Sichtschutz ab Dämmerungsbeginn (ich hasse das Gefühl, dass mir wer zusieht), und Gartengestaltung wie besprochen, ebenfalls nach eigenem Ermessen.
Allerdings gilt es da schon manchmal, gezielt Information weiter zu geben, zum Beispiel im Zusammenhang mit unserem “Wallbau” im nachbarschaftlich angrenzenden Gartenbereich. Dort in der Ecke haben wir Gräben ausgebuddelt für all den Astschnitt und Wurzelkram, den unsere Rodungen anfallen haben lassen. Die Idee ist, auf den kleinen Hügelchen Gras und/oder Wiesenblumen wachsen zu lassen und vielleicht dereinst ein aus dem Flugzeug erkennbares Muster durch den Garten zu ziehen (Spirale, Stern oder Pferd, genaue Pläne stehen noch aus). Nachdem aber 90% der österreichischen Bevölkerung gern Krimis sieht, und man sich daher immer in die Kriminalistik hineindenken muss, wurde die Nachbarin eingeladen, nolens volens gleich von der Gartenarbeit zum Kaffee herübergerufen, um ganz nebenbei zu erwähnen, dass wir hier keine Gräber ausheben, auch wenn es exakt so aussieht. Tatsächlich bekamen wir dann auch die Rückmeldung, dass in diese Richtung gehende Spekulationen angestellt worden waren. Klar! Hätten wir auch gehabt, wenn wir nicht das großartige “Kraut und Rüben” Journal zum Thema “was tun mit dem ganzen Gartenabfall” studiert hätten!
Aber auch wir haben wichtige Informationen erhalten: Die Nachbarn mit dem nervig bellenden Hund sind über die Jahre immer hochnäsiger geworden und wollten zuletzt mit ihrem akademischen Titel angesprochen werden, aber sie ziehen demnächst weg, weil sie sich das Haus angeblich nicht mehr leisten können. Unsere Vorbesitzerin ist gerne mit allen PensionistInnen des Ortes und der Umgebung auf der Terrasse gesessen und hat mit diesen gemeinsam der Nachbarin zugesehen und sie ausgelacht, daher die Hecke zu ihrem Garten. Kiwis sind Rankpflanzen, die man für Gartenspaliere verwenden kann, also auch die “Berliner Mauer”, die von der Nachbargarage gebildet wird, sehr schön bewuchern kann, und große Magnolien können dem Wind besser standhalten als junge, sind allerdings sehr teuer.
Merke daher: Kaffeeklatsch ist in diesen Breiten unerläßlich, will man nicht jedes Jahr ein neues Magnolienbäumchen kaufen müssen oder des mehrfachen Mordes verdächtigt werden!
Kategorien: Garten · Landleben · Leute