Wolfgang Kralicek meint, er sei ein verkanntes Genie, was für mich so nicht stimmt: ich erkenne das Genie des coolen, beredten, belesenen Dichters und Depressiven Lloyd Cole seit 25 Jahren an, und der gestrige Abend in der Szene Wien war ein Erlebnis der besonderen Art.
Zuerst gab es langes Warten auf den Meister und Bedauern, dass er in so eine hässliche Gegend kommen muss. Dann Einlass in einen schwarzen Saal, ausgestattet mit Sitzreihen – he, hatten wir nicht für einen Stehplatz bezahlt? Und dann kam er schon, hell gekleidet, irgendwie beim gleichen Friseur wie Morrissey, mit zwei Gitarren, zwei Flaschen Wasser und gegen Ende des Abends irgendwas Alkoholischem von der Regie (oder war es seine Medikation?) – die Stimme jedoch wie immer, erstaunlich, eindringlich, brüchig, gefühlvoll, gehaucht und genau auf den Punkt getroffen, ebenso einstudiert wie die Witze, die sich auch auf dem Live-Album finden, das ich natürlich gekauft habe.
Und seit ich weiß, dass Impossible Girl ein Lied über die Menstruation ist (she calls collect, you cancel everything, Friday she’s not there), gefällt es mir noch besser.
Also empfehle ich allen, die ignorant genug waren, sich Gestern entgehen zu lassen:
Das Folksinger-Album Vol. 2 kaufen und sich in Wien fühlen, unter lauter 40jährigen, die es nicht packen, dass sie noch immer da sind, so vieles nicht mehr (Wählscheibe, DDR, ATS…), aber hier doch eine musikalische Konstante vor ihnen steht, die noch die Lieder von damals spielt und das telephone disconnecten will, der sich bei den jeweiligen PartnerInnen für die Begleitung zum Konzert bedankt (was bei uns nicht notwendig ist!) und dann nachher auch noch wie versprochen alles (außer Körperteile) signiert.
Danke für diesen wunderbaren Abend!