Die ÖBB haben zu einer unorthodoxen, und ich möchte sagen, auch überaus unmenschlichen Methode gegriffen, um die wachsende Fahrgästezahl in den Griff zu bekommen. Steigende Benzinpreise und die allgemein schlechte Finanzmarktsituation treiben die Menschen auf die Straße und in die Arme des öffentlichen Verkehrs. Aber dieser kann nicht alle aufnehmen, und da bleibt nur noch die natürliche Selektion: die Kranken müssen zuhause bleiben und können nicht Schnellbahn fahren – logisch. Daher fördern die ÖBB und der Verkehrsverbund Ost-Region besonders unhygienische Vorgangsweisen. Sei es, dass auf den Boden spuckende Passagiere keine Fahrkarte zahlen müssen, sei es, dass zwischen Sitze eingeklemmte zusammengeknüllte Taschentücher ungestört Bazillen verbreiten dürfen. Gestern konnte ich dann auch um die Mittagszeit einen Helfershelfer dieser unwürdigen Aktion von meinem Fensterplatz aus bequem bei der Arbeit in einer Station der Vorortelinie (S45) beobachten: der in Turnschuhe und einen dunkelblauen Sweater gekleidete Mann mittleren Alters hielt in der rechten unbehandschuhten Hand einen undefinierbaren Putzfetzen, in der linken einen Kübel mit der Aufschrift “Kremser Senf”, der offenbar eine Flüssigkeit enthielt, in die er den Fetzen periodisch tränkte. Damit wischte er zuerst penibel den Rand und damit den Dreck vom großen Metallmistkübel, daraufhin nahm er sich den Entwerter vor, der nun auch mit demselben Stück feuchten Stoffes poliert wurde, und dann kam auch der Selbstbedienungs-Automat an die Reihe: mit dem schmutzigen Tuch wurde der Touchscreen eingelassen und dann auch noch fein säuberlich die Tasten für die Code-Eingabe der Kartenzahlenden bearbeitet. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die sich auf der Station befindlichen Bakterien bestmöglich verbreiten. Sicher effektiv. Die Grippewelle rollt schon, und wie ich lese, bekommen Haushalte schon seit Wochen keine Post, weil die Briefträger epidemieartig erkrankt sind. Es trifft halt auch immer die Falschen, gell, ÖBB?