Wie düster ist die finanzielle Lage der Wiener Linien (früher bekannt als Wiener Verkehrsbetriebe)? Der Eindruck, den das Unternehmen derzeit erweckt, ist der, dass es ihm ziemlich schlecht gehen muss. Wie sonst wäre es zu erklären, dass man, trotz einer saftigen Tariferhöhung im Vorjahr, als Fahrgast seit einigen Monaten in noch nie dagewesener Intensität mit Werbung bombardiert wird, und zwar mit so omnipräsenter Werbung, dass das Versprechen des dafür betrauten Unternehmens, “Ein Entrinnen, ein Vorbeischauen gibt es nicht bei dieser Werbeform“, absolut als ernste Drohung zu verstehen ist.
“Station branding” heißt es, wenn sämtliche Wände einer U-Bahn-Station vom Fußboden bis zur Decke mit Werbung zugekleistert werden, und in typisch österreichischem Denglisch hat man die Praxis, den Fahrgästen der Straßenbahn die Fenster und damit die Aussicht mit Werbung zuzukleben, als “Traffic Board” bezeichnet. Das heißt im Englischen zwar eigentlich “Verkehrsaufsichtsbehörde”, aber so lange Geld dafür fließt, dass riesige Plakatwände in der Stadt herumfahren, nimmt man es mit dem Denglisch nicht so genau, auch wenn die Touristen in den Zügen ohne Aussicht darüber jammern, dass sie weder das Parlament sehen können noch ihre Station wiedererkennen.
Wenn man bereit ist, die Fahrgäste derart zu vergrämen, dann muss es dafür wohl handfeste Gründe geben. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass das Verkehrsunternehmen sogar die Corporate Identity aufgibt, um ein paar Euro locker zu machen. Mehr und mehr der berühmten rot-weißen Straßenbahnen fahren in telekomgrün, bwinschwarz, puntigamerblau, uefabraun oder anderen kommerziellen Werbefarben herum.
Zuletzt wurde vor ein paar Wochen die letzte heilige Kuh der Corporate Identity geschlachtet: die U-Bahn-Züge, seit 1976 als “Silberpfeil” ein wesentlicher Sympathieträger und eines der wichtigsten Erkennungszeichen des Unternehmens, dürfen nicht mehr silber sein, sondern werden — zu überaus wohlfeilen Preisen — ebenso mit Werbung beklebt. Werden sie nun, nachdem man ihr über 30jähriges stadtbildprägendes Aussehen den Werbeeinnahmen geopfert hat, nun als “Buntpfeile” bezeichnet?
Dabei ist das Maximum der Werbeintensität noch lange nicht erreicht: für den Herbst 2008 wurde eine weitere Intensivierung der Werbung angekündigt, angeblich weil 90% der befragten Personen — das waren wohl nicht jene, die in den Zügen und auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen ihren Unmut kund tun — es super finden, mit Werbung zugeschüttet zu werden. Wer die vielen weißen Flächen der neuen U2-Stationen gesehen hat, kann sich bildhaft vorstellen, dass auf diesen ab Herbst wohl sehr wenig weiß übrig bleiben wird. Jedenfalls wurde ein “Total Branding” angekündigt. Das heißt vermutlich Werbung überall. Medien berichten, dass auch die Innenräume der U-Bahn, von den Decken bis zu den Böden, ja sogar die Haltegriffe, mit Werbung versehen werden sollen. So gesehen würde es auch nicht verwundern, wenn man demnächst, bevor man eine U-Bahn-Station betreten darf, zuerst ein T-Shirt eines Sponsors anziehen muss.
Wie auch immer die finanzielle Lage der Wiener Linien wirklich sein mag, wer zu solch drastischen Mitteln greift, macht einen zutiefst verzweifelten Eindruck. Bei Menschen nennt man die Aufgabe der eigenen Identität und die Vermietung des eigenen Körpers “Prostitution”, den Vermittler “Zuhälter”. In diesem Fall war der Vermittler eine Werbeagentur, die den Spaß “Total Branding” nennt, und die Verkehrsbetriebe haben ihre Identität und ihr Recht auf die Außenhäute ihrer Züge, Busse und Stationen aufgegeben.
“Branding” heißt, wie den Denglischkennern, die das “Total Branding” erfunden haben, möglicherweise entgangen ist, übrigens “Brandmarkung”. So wie man das mit Rindern früher gemacht hat, oder mit Sklaven, um ganz zweifelsfrei anzuzeigen, wem dieser Körper wirklich gehört.
Weiterführende Literatur: Max Barry, Logoland ; Naomi Klein, No Logo.
3 Antworten bis jetzt ↓
1 Gerald // 20. Mai 2008 at 11:58
Kleiner Hinweis: “Wiener Verkehrsbetriebe” ist schon sehr lange her; so hieß die heutige Wiener Linien GesmbH & Co KG zwischen 1942 und 1949, weil zu dieser Zeit die frühere Bezeichung “Gemeinde Wien – Städtische Straßenbahnen” nicht mehr angebracht erschien.
So gesehen vielleicht ein Begriff, dessen Nichtverwendung irgendwie unter “Vergangenheitsbewältigung” fallen könnte…
2 Horst // 20. Mai 2008 at 14:48
Ja eh, aber wer außer den Anwälten hat schon “Wiener Stadtwerke Verkehrsbetriebe” gesagt?
3 Ingo Lantschner // 1. Juni 2008 at 22:59
Mir geht die Werbung und vor allem deren Intensität auch ganz schön auf den Zeiger. Superätzend: Die Bildschirme *in* den Verkehrsmitteln. Ich hab mir echt schon drastische Abwehrmassnahmen überlegt …
Danke jedenfalls, dass du das aufgegriffen hast.