Charlotte R. hat hier ein bemerkenswertes Buch für alle Frauen Mitteleuropas geschrieben, im Stil beliebter Frauengeschichten, nämlich jener über Krankheit (besonders beliebt seit jeher: “Frauen-Krankheiten”), männliche Retter der Frauenkörper und -seelen (”Frauen-Ärzte” und andere Männer in weissen Kitteln) und Körperfunktionen (bluten, verdauen, sich nicht bewegen können etc.).
So weit, so banal.
Aaaber, und hier wird es spannend: die Geschichte beinhaltet völlig verquere Werte und handelt von genau dem Gegenteil von Frau, die wir immer hätten sein sollen (seit den Tagen der Stammbucheinträge a la “Sei wie das Veilchen im Moose…”), nämlich SAUBER, REIN, UNBERÜHRT.
Die Heldin ist alles andere als das! Sie ist schmutzig und steht auch noch dazu, die unverschämte kleine Schlampe! Alle Ängste unserer Mütter und aller unserer weiblichen Verwandten werden hier mit dem Beelzebub ausgetrieben, unvorstellbare Orgien an Bakterienzüchtungen an den intimsten Stellen, und dabei (hier wird sich C.R. ein wenig untreu) bleibt sie vollkommen gesund (wie ihr natürlich über jeden Zweifel erhabener “Frauenarzt” jederzeit bestätigen kann).
Darüberhinaus kennt sie auch sexuell keine Tabus, ist mit 18 abgebrüht wie eine Puffmutter und in allen Lebenslagen neugierig und auf ihren Genuss bedacht. Gehört sich denn so etwas für eine junge Dame?
Und dann der Gipfel: auch noch sterilisiert, d.h. der heiligsten Funktion der Weiblichkeit hat sie freiwillig entsagt, welch Frevel - also jegliche Besserung im weiteren Lebensverlauf durch die Strafe der Mutterschaft in Form ungewünschter Schwangerschaft oder gar Sterilität infolge schlimmer Infektionen - alles nicht mehr möglich! Diese junge Frau lebt völlig ungestraft völlig zügellos, und das ist ein Albtraum jeder Großtante und aller Hüter der Moral.
Insofern ist es höchst bedauerlich, dass sich gängige Kritiken dieses Werkes allein für etwaige literarische Qualitäten, medizinische Inhalte oder die Tauglichkeit als Wichsvorlage interessieren. Die tiefe Subversität der Verkehrung jahrtausendealter weiblicher Tugenden und die mutige Begegnung mit fast allen tiefsitzenden Ängsten der Frauen (und Männer) vor der weiblichen Biologie gehören ordentlich gewürdigt!
Und vielleicht gibt es dann nächstes Mal die Steigerung: die Heldin ist nicht nur schmutzig, sexuell aktiv, selbstbewusst und kinderlos glücklich, sondern auch krank (ev. geschlechtskrank oder sonst irgendwie schuldhaft infiziert), ein Mathematik-Genie und kann einparken, wird aber trotzdem von Kindern geliebt, die Männer laufen ihr nach, sie ist reich, selbständig und kann nicht kochen, dafür aber sticken.
4 Antworten bis jetzt ↓
1 Jann // 4. April 2008 at 03:24
Glückwunsche zum neuen blog! Es gefällt mir.
2 aoe // 25. Juli 2008 at 22:22
Guter Kommentar fuer ein mutiges Buch ohne Plot! Aber so hoch, wie das Werk derzeit in den Bestsellerlisten thront, fuerchte ich fast, dass sie sich nicht so bald herablassen wird, eine Nachfolgerin zu schreiben …
3 frank // 31. Juli 2008 at 13:25
ach je…
wenn z.B. frau schmitz aus bilderstöckchen dieses buch geschrieben hätte, wäre folgendes passiert…
- kein verlag hätte das manuskript angenommen
- kein mensch hätte darüber gesprochen
- keiner hätte lobeshymnen losgelassen
und es hätte auch nix gefehlt auf dieser welt. so aber hat eine medien-hype-frau das klügste getan, was sie tun konnte und sich eines sicheren medien-hype-themas angenommen, wenn es denn von einer medien-hype-frau bearbeitet wird, sex sells, tv sells usw.
wenn ein kleiner dicker mann plötzlich wandern und in sich geht - fehlanzeige. wenn kerkeling das tut- wow.
wenn eine blonde frau aus buer-erkenschwick sich gedanken darüber macht, ob sie eigentlich besser am herd statt hinter der bäckerei-theke aufgehoben ist - gähn. wenn die frau tagesschau gesprochen hat - zeter und mordio.
ich mag übrigens roche und kerkeling als medienkunstobjekte und ich wünsche beiden mit ihren weiteren büchern dollen erfolg (frau herman wünsch ich das nicht) - nur muss man das an jeder stelle noch einmal durchkauen? selbst frauenpolitisch sehe ich da keinen anlass zu, die feuchtgebiete wurden von ganz anderen schon viel früher befreit und durchlüftet!
4 Sandra // 11. August 2008 at 09:20
Äh, sollte vielleicht dazu sagen, dass ich Frau Roche vor der Lektüre ihres Buches noch nie gesehen habe, ich meine, auch nicht fern.
Daher kann ich mit Fug und Recht behaupten, von ihrer Medienpräsenz völlig unbeeinflusst gelesen zu haben - für mich war sie die “frau schmitz aus bilderstöckchen” ;-)
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