Aus dem Film Walk the Line wissen wir ja, dass Johnny Cash, bevor seine Karriere als Sänger so wirklich los ging, sich eine Zeitlang mit Gospel und religiöser Country-Musik versuchte, bevor Sam Phillips es erfolgreich schaffte, ihm diese Schiene auszureden, weil damit kein Geschäft zu machen sei.
Nun, ganz so kann das nicht stimmen. Es wird wohl eher eine Sache von Sam Phillips’ Musikgeschmack gewesen sein, denn einen Markt für Country Gospel gab es in den USA zu jener Zeit absolut.
Als eines der herausragendsten Beispiele seien da beispielsweise die Louvin Brothers genannt, die 1960 ein Opus mit dem Titel Satan Is Real auf den Markt brachten. Das — nicht ironisch gemeinte — Cover galt lange Zeit als Kultobjekt auch unter streng atheistischen Schallplattensammlern. Die Brüder ließen dafür aus Sperrholz eine drei Meter hohe Satans-Figur bauen, steckten anschließend unter Felsen versteckte, mit Kerosin übergossene Autoreifen in Brand und stellten sich dann in diese Höllenszenerie. Angeblich war die Satans-Statue allerdings nicht allzu stabil und fiel um, und das Kerosin stellte sich als etwas explosiver heraus als geplant, wodurch sowohl Satan als auch einer der Brüder Feuer fingen. Die Sache ging aber zum Glück dann relativ glimpflich aus.
Musikalisch ist, sieht man von den streng religiösen Texten und der heutzutage sehr absonderlich anmutenden Predigt auf dem Titel-Track einmal ab, die Platte unerwartet gut. Geschmackvolle Country-Arrangements, feine Harmoniegesänge, klingt wirklich ein bisschen wie Johnny Cash vor seinem kommerziellen Durchbruch. Und die Platte hat offenbar so viele Fans, dass sie nach 1960 nicht einfach verstaubte, sondern mehrfach wieder aufgelegt und auch auf CD erhältlich ist.
Ein anderes Kaptel ist da schon Little Marcy, die wohl eine der eigenwilligsten Ausprägungen amerikanischer religiöser Musik der sechziger Jahre darstellt. Es handelt sich dabei um die Bauchrednerin Marcy Tigner, die mit ihrer Puppe Little Marcy auftrat und mit dieser Duette sang. Merkwürdige Highlights aus dem Programm von Liedern, die in erster Linie Kinder als Zielpublikum hatten, sind Titel wie “Join the Gospel Express” oder “The Lord Is Counting On You”, wobei man sich fragt, ob Marcys irre Kopfstimme oder die unglaublich trippigen, gitarrenlastigen Arrangements absurder sind. Jedenfalls scheint es, als wolle Marcy mit ihrem Glauben eher Berge in die Flucht singen anstatt sie zu versetzen. Trotzdem scheint diese Art von Musik entweder Sponsoren gehabt zu haben oder doch Kunden gefunden zu haben: Marcys Diskographie ist jedenfalls nicht unbeeindruckend. Was aus den Kindern wurde, die dieser Musik ausgesetzt waren, ist nicht bekannt. Seien wir Sam Phillips in jedem Fall dankbar, dass er Johnny Cash in eine andere musikalische Richtung wies.
1 Antwort bis jetzt ↓
1 Sandra // 25. April 2008 at 08:27
Jaja, die Louvin Brothers wussten noch, wie man Cover gestaltet! Heutzutage mit dem Photoshop-Klumpert, da kann man das gar nimmer schätzen - die hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt! Echt christlich eben.
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